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Walter Schöttl


Schwierigkeiten konnten den im Zeichen des Stier Geborenen nie aufhalten. Und so begann er seine berufliche Laufbahn mit einer Doktorarbeit zur individuellen Prothesengestaltung nach Gysi, einem Thema, mit dem ihm so kurz nach Kriegsende an der gesamten Universität in Erlangen niemand weiterhelfen konnte. Dies führte jedoch zu intensiven Kontakten mit Gysi-Schülern, so dass dessen Artikulationslehre schon frühzeitig eine Wissensbasis darstellte.

Jedoch konnte er seinen Wissensdurst nicht lange in der väterlichen Praxis in Kronach befriedigen und gründete bald mit seinem Freund, ZTM Georg Kramer, ein gewerbliches Labor in Erlangen, mit einer kleinen "Laborpraxis". Vor allem das Interesse an den damals noch sehr problematischen Einstückgüssen brachte ihn nach Chicago zu seinem ersten Besuch des Midwinter Meetings, wo er Kontakte zur Firma Whip Mix knüpfte. Deren vakuumgerührte Gipse und Einbettmassen waren damals ohne gleichen und so beschloss Walter Schöttl, eine eigene Vertriebsfirma zu gründen, die Frankonia Dental, um diese Technologie im deutschsprachigen Raum zu verbreiten.

Über Whip Mix kam der Kontakt zu Harry Lundeen zustande, damals Professor an der Universität in Lexington, Kentucky. Walter Schöttl war sogleich von dessen Didaktik bei der Auswachslehre begeistert und scheute keine Mühe, um sich ausreichende englische Sprachkenntnisse anzueignen, damit er dessen Aufwachsmanual ins Deutsche übersetzen konnte. Er wollte Lundeen unbedingt in Deutschland einführen und so bat er seinen ehemaligen Lehrer, Prof. Bock an der Universität in Erlangen, um Unterstützung. Dieser erste Aufwachskurs verlief derart erfolgreich, dass Walter Schöttl sich dazu entschloss ein eigenes Institut zur Verbreitung der Lehre zu Gründen, das ITMR. 

Mit diesen ständigen Neuerungen hatte er seinem Freund Georg Kramer viel zugemutet. Schließlich war das inzwischen zu stattlicher Größe herangewachsene Labor zu groß für ständig neue Experimente. Daher zog er 1969 aus seiner "Laborpraxis" aus und gründete eine neue Privatpraxis mit einem eigenen Praxislabor. In Heinz Polz fand er den idealen zahntechnischen Partner dafür und in den folgenden Jahren trieben sich die beiden gegenseitig zu immer größeren Höhenflügen an.

Jedoch sollte er sich mit seinem unersättlichen Wissensdurst, dem er immer wieder aufs Neue bereit war, das bisher erarbeitete zu opfern, schließlich auch Heinz Polz überfordern. Der wollte es zu einer Zeit mit der Aufwachslehre zu Ruf und Ansehen bringen, als Walter Schöttl schon ganz anderen Gedanken nachjagte, diesmal Gedanken ganzheitlicher und systemübergreifender Natur. Begonnen hatte es mit der ersten Einladung nach Deutschland von W. Farrar zum ITMR Jubiläum. Damals war das Phänomen des Gelenkknackens noch weitgehend unverstanden und die Teilnehmer staunten nicht schlecht, als sie lernten, was eine Diskusverlagerung war und wie man dieser mit gnathologischen Techniken Vorschub leisten konnte. Kurz darauf übersetzte das erste Buch von Daniel Garliner über seine Myofunktionelle Therapie ins Deutsche und half eine Vereinigung für diese Therapieform zu gründen. In Peter Reichert hatte er einen ebenfalls aus der Gnathologie stammenden Freund gefunden und war Gründungsmitglied der GZM, alles Bereiche, in die ihm Heinz Polz nicht mehr folgen konnte. Und so trennten sie sich 1984, als Polz ein eigenes Labor in Fürth eröffnete.

Zum Zeitpunkt der Rückkehr seines Sohnes Rainer war Walter Schöttl daher offen für die Annahme der völlig anderen neuromuskulären Funktionslehre nach Jankelson. Endlich fand er Antworten auf offen gebliebene Fragen und kam auch bei Patienten wieder voran, bei denen er bereits hatte aufgeben müssen. Typisch für seine Begeisterungskraft war dies aber nicht genug. Er widmete seine Frankonia Dental fortan dem Vertrieb der Jankelson'schen Produkte von Myotronics und sein ITMR der Verbreitung dieser neuen Lehre. Das brachte ihm auf breiter Front Unverständnis ein und viele seiner ehemaligen gnathologischen Mitstreiter kündigten ihm die Freundschaft. Vielleicht war es ein für ihn typischer Zug, als er 1986 seine ehemaligen Kursteilnehmer zu einem "Privatissimum" nach Erlangen einlud, um ihnen Abbitte zu leisten, dass viele der einst von ihm vertretenen Thesen nicht länger aufrecht zu erhalten waren.

Walter Schöttl verstarb 2007 nach einem Leben als Zahnarzt in zweiter Generation, das beruflich erfüllter nicht hätte sein können.


Das ICCMO, Sektion Deutschland, e.V. kührte ihn zum Ehrenmitglied und hat kürzlich sein Buch "Die craniomandibuläre Regulation", das über etliche Jahre vergriffen war, in Erinnerung an ihn neu aufgelegt. Dieses Buch ist ein Dokument seiner erstaunlichen "post-gnathologischen" Entwicklung und gilt vielen heute wie bei seinem ersten Erscheinen als unersetzlicher Wegweiser auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Funktiuonsverständnis.








 
  

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